Nicht für die Schule sollten wir lernen…

„Träge, nicht zu motivieren, fürchterlich, kein Biss, so ein lahmer Verein!“ Kollege Breitbart echauffiert sich seit Minuten. Der Mathelehrer, Ende fünfzig, lehnt breitschultrig in der Tür zum Lehrerzimmer und zieht vollmundig über meine Klasse her. Die seien ja durch die Bank unmotiviert. Früher, ja, früher sei alles besser gewesen..

Die Arbeit am viel bemühten „Mindset“ ist in aller Munde. Zumindest im agilen Coachingbusiness der Neuzeit.

Lernmotivation – eine Frage der Einstellung?

Schule meint etwas anderes, nennt es aber ähnlich. In Bezug auf Lernen geht es dabei gerne um das, was früher „Einstellung“ hieß und eigentlich mit Leistungsmotivation gleichgesetzt wurde.

Die guten Schüler:innen wollten lernen, so die Annahme, – die musste man nicht motivieren.

Klappte das nicht, dann wurde es ganz schnell ziemlich blöde pädagogisch. „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“, hat schon der Mathe-Müller in meiner Schulzeit den alten Seneca so richtig schön von hinten zitiert.

Bis heute glaube ich ihm nicht, dass meine Zeit kommen wird, in der ich Wahrscheinlichkeiten ausrechnen werde, oder Gleichungen mit drei Unbekannten löse. Nein, meine Motivation war, ganz im Gegenteil, so gestaltet, dass ich sehr wohl für die Schule lernte – für jene Institution, die der Gratmesser für Erfolg und Misserfolg im Schüler:innenleben war und ist.

Schule und Leben – die Misere unseres Schulsystems

Bis heute lernen Schüler:innen eher für die nächste Mathearbeit, als dabei daran zu denken, dass der schulische Inhalt einmal „für das Leben“ wichtig sein könnte.

Allein, dass wir nach über zweitausend Jahren immer noch annehmen, dass Schule und Leben quasi als zwei unabhängige Systeme nebeneinander existieren, ist dabei sinnbildlich und macht die Misere unseres Schulsystems deutlich.

Sprungbrett Schule – der Weg zur „wahren“ Existenz

Schule, und das hat sich in vielen Köpfen bis heute nicht verändert, wird zu häufig verstanden als Vorbereitung auf das echte Leben, quasi als Sprungbrett zur echten Existenz.

Den „Schul-Weg“ muss man absolvieren, um dann irgendwo anzukommen, jemand „zu werden“, so als sei man nicht in der geraumen Zeit vor dem Schulabschluss womöglich schon jemand gewesen. Ich stelle mir diese „Geburt“ gespenstisch vor:  Man ackert und strebt und zack! mit dem Abitur ist man dann wer. Nach dem ersten oder dem mittleren Schulabschluss ist man auch wer, aber vielleicht eine kleinere Version von sich selbst. Oder wie ist das gemeint?

Wir fragen gerade die jüngeren Schüler:innen auch allzu gern, was sie mal „werden“ wollten, wenn sie später mal „groß“ seien.

Geradezu so, als sei Bildung der Endpunkt einer Wegstrecke und nicht die Wegstrecke selbst.

Erschöpfte Läufer:innen: Bildungsprozesse als Marathonlauf

Als Ex-Lehrerin und Lerntherapeutin, die jeden Tag in ihrer Praxis vor allem mit den erschöpften Läufer:innen dieser „Schulwege“ zu tun hat, kann ich nur sagen: das ist ein vollkommen falsches Bild von Bildungsprozessen und den Bildungs-Wegen, das Schüler:innen damit suggeriert werden soll.

Das geht im Grunde schon damit los, dass alle Teilnehmer in diesem Rennen um den Pokal „Bildung“ in völlig unterschiedlichen Schuhen laufen, aber alle den gleichen Weg gehen müssen. Der eine barfuß, der andere mit Hightech-Laufschuhen, der übernächste auf einem Bein, weil das andere einfach nicht tragen will. Und wer gar nicht laufen kann, der bleibt halt auf der Strecke oder tritt gar nicht erst an!

Um bei dem Bild des Läufers zu bleiben:

Wann gelingt Lernen? Wann sind Schüler:innen motiviert dazu, zu „laufen“?

Für mich gibt es darauf viele Antworten:

 

Zum Beispiel wenn der Weg zu dir passt, auf dem du läufst. Wenn deine Schuhe nicht drücken und nicht so viele Steine im Weg liegen.

Wenn der Lernweg abwechslungsreich ist und es Gefährten gibt, die mit dir im gleichen Tempo laufen.

Wenn vor dir noch einer läuft, der dich mitzieht, der dich aber nicht abhängt. Und wenn da ein Begleiter ist, der auch mal mitläuft und nicht nur vom Rand durchs Megaphon die immer gleichen Durchhalteparolen grölt und Druck macht.

Wenn du Pausen machen darfst und dich mal umdrehen kannst, ob da noch jemand ist.

Wenn du beim Luftholen stolz bist auf jeden Schritt dieses Weges.

Wenn es jemanden gibt, der bei dir ist, wenn du fällst und der dir wieder aufhilft und einen, der dir das Wasser reicht.

Für den das Hinfallen nicht Scheitern, sondern Neuanfang ist.

Der erkennt, wie gut du bist, auch wenn du gar kein guter Läufer bist, sondern gehend ins Ziel kommst oder fahrend.

Und vor allem läufst du deinen eigenen Schulweg immer dann am leichtesten, wenn du den Weg mitbestimmen kannst.

Wenn du Visionen hast, die dich Steigungen durchstehen lassen und du Abkürzungen nehmen darfst, wenn du sie brauchst.

Und du läufst für kleine Etappenziele, die du dir selbst setzt.

Deine eigenen kleinen Schritte, die am Ende ein Großes und vor allem ein Ganzes ergeben. Und dich mit Sinn und Glück erfüllen. 

Was bedeutet das für Lernprozesse?

Auf Lernen projiziert bedeutet das, dass Menschen immer dann motiviert lernen, wenn sie selbstbestimmt lernen, in ihrem Tempo und angepasst an ihre Fähigkeiten. Jeder seine Schritte auf diesem Weg machen darf, ohne dabei ständig geschoben oder gezogen zu werden.

Wenn du Lernwege gehen darfst und gar nicht atemlos laufen musst. Wenn du merkst, dass es mit dir und deinem Leben jetzt zu tun hat und dadurch Sinn ergibt.

Schule als Kampf gegen sich selbst

Wenn Kinder früh in diese Art von Rennen geschickt werden, in denen das Ankommen und nicht der Weg das Ziel ist und damit Schule und Bildung als Kampf gegen sich und vor allem als „Abkämpfen“ erleben, dann wird es in ihrem Leben viel Kraft brauchen, diese Muster zu durchbrechen.

Die Vision: Lernen als Flow-Erlebnis in Schule

Wer einmal gelaufen ist, rein um des Laufens Willen, der weiß, dass der Weg viel sinnstiftender sein kann als jedes Ziel. Wer einmal gespürt hat, wie es sich anfühlt, mit sich und der Welt „im Flow“ zu sein, der wird nie wieder laufen, nur weil er irgendwo ankommen muss. Und Gleiches gilt für intrinsisch motivierte Lernprozesse.

Und geht es nicht am Ende um jene Kompetenz des Laufens, viel mehr als um die des Ankommens?

Ich wünsche mir, dass Schule Wege aufzeigt und ich wünsche mir Lehrer:innen, die ihre Laufschuhe anziehen!

Lehrer der Zukunft brennen für ihre Schüler und verbrennen nicht im Schulsystem

Ich wünsche mir Menschen als Lehrer:innen, die das Mindset des lebenslangen Lernens zum Lernziel erheben. Die für ihre Schüler brennen und sich nicht im Schulsystem verbrennen lassen und dies genau so formulieren.

Die mit ihren Schüler:innen laufen und nicht immer der Erste im Ziel sein müssen. Die wissen, wann jemand zu fallen droht und die ganz häufig mit ihren Schüler:innen Pausen machen und ihre Lernwege bestaunen.  

Bildungserfolg? – Wissen, was du kannst und wer du bist!

Ich erlebe in meiner Praxis jeden Tag Läufer:innen, die bei mir zum ersten Mal Luft holen und Etappen benennen lernen. Die sich zum ersten Mal bewusst darüber werden, wie viele kleine Schritte auf ihrem Bildungsweg sie schon gegangen sind. Wie viel sie schon können und gelernt haben und wer sie schon immer sind!

Warum schafft Schule das so häufig nicht?

Jemand, der einmal gestolpert ist, dem möchte Schule jederzeit aufhelfen. Aber was ist mit denen, die auf dem Weg liegen bleiben? Und was ist mit denen, die gar nicht erst loslaufen?

Bildung braucht Lösungen, fernab der abgetretenen Pfade und immer gleichen Bildungsstrecken und Schule braucht sinnstiftendes Handeln auf allen Ebenen!

2 Kommentare zu „Nicht für die Schule sollten wir lernen…“

  1. vielen Dank für diese Zeilen, für die Arbeit, die du dir da machst, auch für die Bewusstseinsbildung und die Reflexion. ich sehe einfach die unzählbaren Appelle und Aufrufe an die Schule, sich doch noch einmal grundsätzlich zu verändern und zu einem Raum der Ermöglichung für Menschen zu werden (für Lernende ebenso wie für Lehrende) als Teil des Problems und nicht der Lösung. Sich von diesem Schulsystem noch irgendetwas positives zu erwarten, bedeutet, sich pausenlos in die eigene Tasche zu lügen. Nicht, dass ich dir das unterstelle, ganz im Gegenteil. Ich stelle einfach fest, dass der Glaube an eine Zukunft unseres Schulsystems bis heute bei allen Parteien ungebrochen ist. Und das ist in meinen Augen das Problem.

    1. Lieber Christoph Schmitt,
      ich danke dir für diesen Kommentar, der mich nachdenklich stimmt.
      Ich bin nach sieben Jahren verbeamtetem Schuldienst ausgestiegen, weil ich deine Meinung teile, dass Schule an einem Scheideweg und auch Endpunkt angekommen ist. Ich glaube aber nicht daran, dass Veränderung von außen kommen kann, sondern immer ein demokratischer Prozess sein muss, der alle Beteiligten – nicht zuletzt die Agierenden selbst (Lehrer:innen, Schüler:innen; Eltern und auch das politische System) einbeziehen muss. Und dazu gehört zuerst einmal für mich auch die Information darüber, was IST und eine Vision davon, was sein könnte und sollte. Wann Lernen funktionieren kann, wie gute Bindungen in Schule schon heute funktionieren -leider zu oft als Nebenprodukt existieren. Schule ist ein in sich so geschlossenes und wenig transparentes System, dass vielen Beteiligten selbst gar nicht bewusst ist, was da schiefläuft und warum. Viele großartige Initiativen zeigen ja, dass andere Wege funktionieren und dass „gute Schule“ durchaus aus bestehenden Strukturen erwachsen kann. Aber ich teile leider absolut den Zweifel daran, dass das Schulsystem allein von innen heraus gesunden kann.

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