„Erst nachts wird es still in meinem Kopf“ – Leben mit Hochbegabung

Heute treffe ich sie zum allerersten Mal. Kalte Hände hat sie.

„Es ist die Aufregung, ich kann es mir selbst nicht erklären. Ich weiß, hier passiert mir nichts, trotzdem ist sie da. Die Angst zu versagen, die Angst nicht zu genügen, am Ende vielleicht gar nicht so hochbegabt zu sein, wie alle sagen.“

Jemand bringt Wasser.

Höflich und freundlich ist sie, nie weicht sie aus.

Nicht mir und meinen vielen Fragen, keinem Blick und keiner Wahrheit. Wahrheiten will sie durchdringen. Das, was Menschen hinter den Worten sagen, verstehen.

Kategorien für die unfassbar komplexe Welt

Sie ist auf der Suche.

Nach Kategorien für die unfassbar komplexe Welt. Erklärungen und Strukturen für Unerklärliches, Ungesagtes und Gemeintes. Gefühltes.

Das klappt nicht immer, oft geht das schief. Die Welt will nicht passen in Kategorien aus Schwarz oder Weiß. Das Grau zwischen den Farben verdirbt jede Trennung. Für sie ist das so, als wolle die Welt ihr eins drücken, sie vorführen und so oft wollen Pläne dann einfach nicht aufgehen.

Dann klappt es nicht.

Dann verschwimmt die Exaktheit der eigenen Worte mit der Imperfektion der Welt.

So vieles, was sie dann nicht mehr begreift und das sie verzweifeln lässt.

Stifte, nach Farben sortiert. Das Radiergummi hat immer einen Platz.

Nichts ist Zufall. Zufall ist Chaos und Chaos macht Unbehagen.

Und Chaos ist überall! Vor allem im Kopf. Immer dann, wenn es laut ist um sie. Kleinigkeiten stören die Sicht. Marginales, Unwichtiges, versperrt die Gedanken.

War da ein Klacken? Da ist doch ein Geräusch! Da kratzt penetrant ein Schild im Pullover, der Tisch wackelt. Da sind zu viele Lichter, Stimmen.

Alle sind auf ihre Weise anders, niemand ist perfekt.

Da sind all die ungesagten Dinge, die die Menschen meinen könnten, – ohne sie auszusprechen.

Da ist ihre Angst, die sie zusätzlich ablenkt.

„Mein Kopf weiß all das: die Normalität gibt es nicht. Alle sind auf ihre Weise anders, niemand ist perfekt. Ich könnte gut sein. Aber ich fühle es nicht. Kennst du das auch?“

Das kenne ich auch.

 „Verstehst du mich?“

Ich versteh dich.

„Kann ich das so sagen?“

Alles darfst du sagen.

„Du bist der erste Mensch, der das versteht. Ich bin wie von woanders. Draußen oder außen vor, – was ist der Unterschied davon?“

Zuhause am Abend – das ist ihr Ort. Ihr Zimmer. Ihr Bett ist heilig. Wo die Stille die Nacht  regiert und manchmal auch ihre Gedanken.

„Wusstest du, dass man trotzdem denkt, auch wenn man nicht denkt? Und dass Schwarz niemals Schwarz ist?“

Ja, das weiß ich.

„Schließ mal die Augen. Also ich sehe da Punkte und kein Schwarz“

Als Kind hab ich ins Dunkle gestarrt, weil ich genau das nicht ertrug.

„Das kennst du?“

Oh ja!

„Kennst du anfangen wollen und aufschieben, weil du weißt, heute geht es nicht? Heute wird es nicht perfekt?“

„Kennst du plötzlich alles tun und vorher so lange gar nichts?“

„Kennst du abzählen? Kennst du kontrollieren?“

„Kennst du chaotisch sein, aber innerlich Struktur brauchen?“

„Kennst du anders sein und gleich sein wollen?“

„Kennst du traurig sein ohne Grund?“

„Kennst du ausgelassen fröhlich sein und plötzliches Glück aus dem Nichts?“

„Kennst du Schule ertragen? Kennst du, die Antwort wissen und sich nicht melden? Kennst du zu leicht? Kennst du nicht schwer genug?“

„Kennst du andere blicken, bevor sie es selbst tun? Kennst du zu viel denken?“

Das kenne ich gut.

Und weißt du was? Ich kenn andere Wege!

Ich kenne anders sein. Ich kenne anders lernen.

Ich kenne gut genug sein und mir gut sein.

Ich kenne, aus Angst vor dem Weg nicht loszugehen.

Aber ich kenne Aufstehen und irgendwann loslaufen.

Ich kenne Struktur im Chaos.

Ich kenne Schwarz und Weiß und trotzdem die Liebe zum Grau.

Ich kenne anders normal sein.

Ich kenne gut sein, ohne perfekt sein zu müssen.

Ich kenne Selbstzweifel und Wege zu innerer Stärke.

Ich kenne immer Neues erfahren und immer mehr wissen wollen und ich kenne ruhig zu werden und das alles zu genießen.

Ich kenne Ich- Sein!

 

„Corinna, warum machst du diesen Job?“

 

Deshalb!

 

Lesetipp für Eltern:

Webb, James T. , Hochbegabte Kinder-Das große Handbuch für Eltern, Hogrefe Verlag, 2017, ISBN: 978-3-456-85758-9

 

Schwiebert, Andrea, Kluge Köpfe, krumme Wege? Wie Hochbegabte den passenden Berufsweg finden, Junfermann Verlag, 2015, ISBN: 978-3-95571-426-0

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